veröffentlicht am 24.März.2010 14:21

Lehrerarbeitszeit: Schluss mit Modelldiskussionen
Unterrichtsverpflichtung senken um Jugendliche noch besser zu fördern
Lehrkräfte werden mehr bedauert als geschmäht und beneidet
Neue Arbeitszeitmodelle für Lehrkräfte werden wieder häufiger diskutiert. So auch in den Landtagsfraktionen von FDP und CDU. Dabei haben die Lehrer des Landes vor allem eine Erfahrung damit: Noch nie hat eine Arbeitszeitdiskussion zu einer Verringerung der Arbeitsbelastung geführt.
Transparenz und Gleichbehandlung und die genaue Ermittlung der Belastungsfaktoren werden von den Protagonisten neuer Arbeitszeitmodelle als Motiv genannt.
Arbeitszeiten und Arbeitsbelastungen sind jedoch längst bekannt und werden in der Öffentlichkeit nicht mehr in Frage gestellt. Warum muss daran erinnert werden?
· Die Jahresarbeitszeitder Berufsschullehrer z.B. lag im Untersuchungszeitraum 1998/99 mit 283 Stunden deutlich über der des öffentlichen Dienstes. Dies stellte die renommierte Unternehmensberatung Mummert & Partner im Auftrag des damaligen Schulministeriums fest. Knight – Wegenstein war Jahre zuvor zu ähnlichen Ergebnissen gekommen.
· Die hohe Arbeitsbelastung unddie daraus folgenden gesundheitlichen Risiken für viele Lehrkräfte sind empirisch mehrfach belegt (u.a. durch Schaarschmidt - Studie, Potsdam; Prof. Schönwelder, Bremen; Prof. Berndt...).
Es ist transparent und wird von Öffentlichkeit und Medien zunehmend anerkannt, wie belastet Lehrkräfte sind. Geschmäht und beneidet werden Lehrkräfte immer seltener, bedauert jedoch immer häufiger wegen
- zu oft unkonzentrierter, auch aggressiver Schüler
- immer wieder veränderter inhaltlicher, pädagogischer, bürokratischer und rechtlicher
Anforderungen
- der faktischen Arbeits- und Unterrichtsstundenerhöhungen der vergangenen Jahre (trotz der
bekannten Ergebnisse der Arbeitszeituntersuchungen) bei gleichzeitigen Gehaltskürzungen
(Urlaubsgeld, Weihnachtsgeld) und reduzierten Pensionen
- wegen der an Berufskollegs besonders hohen Belastungen mit – sinnvollen und
unverzichtbaren – Kooperationsaufgaben im dualen System der Berufsausbildung.
Vor diesem Hintergrund vom Risiko – Beruf „Lehrer“ zu sprechen, ist sicher nicht übertrieben! Auch nach Erfurt, Emsdetten, Winnenden, Ludwigshafen und im Hinblick auf die vielen Fälle , in denen Lehrer geschmäht, bedroht, verunglimpft und beleidigt werden und von denen die Medien gar nicht erst berichten.
Sieht so ein attraktives Berufsbild aus, für das wir alle werben, ja wegen des Lehrermangels werben müssen? Dieses Berufsbild soll junge Menschen motivieren, selbst Lehrer zu werden?
Um flexible Arbeitszeiten bemühen sich viele Brachen, Unternehmen und Gewerkschaften seit Jahren, auch mit Unterstützung z.B. des NRW-Arbeitsministeriums. Für den Lehrerbereich werden Zeiterfassungsmethoden nach tayloristischem Muster besprochen, die nicht einmal für die traditionelle Industriearbeit taugten.
Der Charakter des Lehrerberufs, mit seinen differenzierten inhaltlichen, pädagogisch-didaktischen, seinen sozialen und organisatorischen Anforderungen, mit der geforderten Kreativität im Umgang mit Inhalten und Jugendlichen, verträgt sich nicht mit einem System enger Zeiterfassung und minutiöser Zeitvorgaben. Das erforderliche und zu Recht eingeforderte Berufsethos vorgegeben nach Punktsystem und Minutentakt – ein Widerspruch in sich.
Warum wohl gibt es diese Arbeitszeitmodelle nicht bei Steuerberatern, IT - Unternehmen, Werbeagenturen, Richtern, Ärzten, wenn sie doch zu Transparenz und Gleichbehandlung führen? Problematischer noch: Die Kollegien im Land sollen die Ermittlung und Zuweisung von Taktzeiten und Zeitvorgaben selbst organisieren, durchführen und auf Dauer nachhalten – noch mehr Arbeit und Bürokratie also. Dies ist die Umverteilung des bestehenden Lehrermangels zwischen angeblich Fleißigen und angeblich Faulen in den Kollegien und soll wohl dort Lehrerstundenressourcen aktivieren, wo der Gesamttopf tendenziell kleiner wird. Die Konflikte scheinen vorprogrammiert, auch bei den selbsternannten Pilotschulen, wenn erst einmal die bekannten sozialpsychologischen Effekte des „Pilotcharakters“ verflogen sind (z.B. Hawthorne - Effekt).
Kein Wunder, wenn Lehrkräfte hinter der Diskussion um die Lehrerarbeitszeit den Versuch vermuten, erneut – bei dauerleeren öffentlichen Kassen – bei der Arbeitszeit für Lehrer zu sparen.
Die uneingeschränkte Unterstützung durch Politik und Öffentlichkeit bei der Erfüllung ihrer schweren und belastenden Arbeit - dies erwarten Lehrerinnen und Lehrer jetzt.
Dies bedeutet zunächst, die Unterrichtsverpflichtung für alle Lehrerinnen und Lehrer zu reduzieren um mehr Zeit und Energie zu haben für die individuelle Förderung und dafür, Kinder und Jugendliche zu einem erfolgreichen und erfüllten Berufs- und Lebensweg anzuleiten.
Hans-Jürgen Steffens
Geschäftsführer